Dr. med. Teodosiu
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Inkontinenz

Harninkontinenz

NICHT IMMER EINE FRAGE DES ALTERS

DEFINITION

Belastungsbedingter unwillkürlicher Urinverlust durch die Harnröhre bei stabilem Detrusor aufgrund mangelhafter Verschlussfunktion.
Syn.: Belastungsinkontinenz, Sphinkterinkompetenz

Von Inkontinenz spricht man, wenn Harn beim Husten, Niesen, Lachen oder bei körperlicher Belastung verloren wird, oder wenn ein so starker Drang zum Urinieren besteht, dass oftmaliges Urinieren notwendig ist, die Person dazu auch in der Nacht mehrmals aufstehen muss und bisweilen nicht mehr rechtzeitig die Toilette erreicht.

Etwa drei bis vier Millionen Frauen in Deutschland leiden an einer Harninkontinenz (HI). Durch die stetige Steigerung der Lebenserwartung und einer jährlichen Inzidenz der HI von etwa 1% wird die Zahl der betroffenen Frauen weiter steigen.
Eine HI beeinträchtigt erheblich die Lebensqualität, zwingt oft zur Aufgabe der Pflege der Betroffenen im häuslichen Milieu .

RISIKOFAKTOREN

Die Häufigkeit von Harninkontinenz steigt mit dem Alter. Auch Blaseninfektionen sind ein häufiger Grund für Harninkontinenz.

Während der Schwangerschaft leiden etwa 30 bis 60 % der schwangeren Frauen unter einer Harninkontinenz. Normalerweise ist dies aber eine temporäre Inkontinenz, die nach der Geburt nicht mehr auftritt. Eine Harninkontinenz kann aber auch erst durch die Geburt entstehen. Wegen der hohen Belastung und Dehnung der Beckenbodenmuskulatur kann es zu einer Funktionsstörung der Schließmuskeln kommen. Verschlimmert wird dies, wenn während der Geburt Nerven verletzt werden, welche die Schließmuskeln kontrollieren sollen.

Die Menopause (Wechseljahre) führt zu einer erhöhten Wahrscheinlichkeit einer Blaseninfektion, da es während dieses Zeitraums zu der Verdünnung und dem Austrocknen des genitalen Gewebes kommt.

Auch Übergewicht kann eine Harninkontinenz begünstigen. Durch das zusätzliche Gewicht kann das Beckengewebe so sehr strapaziert werden, dass es zu einer Dehnung und Schwächung der Beckenbodenmuskulatur kommt. Gewichtsverlust führt in den meisten Fällen zu einer Minderung der Inkontinenz.

DIAGNOSTIK

Klassifikation

Die Stress- /Belastungs-Inkontinenz –durch eine Druckerhöhung im Bauchraum wie schweres Heben, Husten, Niesen oder Lachen – unkontrolliertem Harnabgang.

Die Ursachen können eine Schwächung des Blasenschließmuskels, eine Schwäche der Beckenbodenmuskulatur als Folge von Geburten oder Operationen sowie der Mangel an weiblichen Geschlechtshormonen in den Wechseljahren sein.

Die Drang-Inkontinenz zeigt sich durch sehr starken Harndrang mit unwillkürlichem Harnverlust.

Die Ursachen hierfür sind eine Überaktivität oder Empfindlichkeit der Harnblase, Weitere mögliche Ursachen sind Harnwegsinfektion, Blasenschleimhautpolypen oder Harnblasentumoren .

Aber auch eine Mischform aus beiden Komponenten  ist möglich.

Vorgesichte-Anamnese

Die zeitliche und tätigkeitsbezogene Zuordnung der HI-Episoden erlaubt eine erste Verdachtsdiagnose bezüglich der HI-Form. Standardisierte HI-Erfassungsbögen erleichtern und vervollständigen die Anamneseerhebung. Diese Fragebögen erfassen auch die Miktionsfrequenz, Nykturie und den täglichen Vorlagenverbrauch – Informationen, die meist sehr pauschal angegeben werden. Um konkrete Antworten zu erhalten, sollte ein Miktionskalender über zwei bis drei Tage geführt werden, wobei der Alltags- und Wochenendsituation Rechung getragen werden sollte.

Urinanalyse

Entzündungen der unteren Harnwege können die klinische Symptomatik einer Reizblase bzw. einer Dranginkontinenz vortäuschen, häufig tritt eine asymptomatische Bakteriurie auf. Daher sollte im Rahmen jeder Erstvorstellung eine Urinanalyse mittels Teststreifen erfolgen, bei pathologischem Befund wird eine bakteriologische Untersuchung angefordert.
Genital- und Beckenbodenstatus
Der Genitalstatus dient dem Ausschluss eines Descensus urogenitalis( Scheide-/ Gebährmuttervorfall) und gibt Aufschluss über den lokalen Hormonstatus.
Bei gefüllter Blase kann der Stresstest (Objektivierung des unwillkürlichen Urinverlustes beim Husten) durchgeführt werden. Ist er trotz anamnestischer Angabe einer Stressinkontinenz negativ, sollte nach Abschluss aller Untersuchungen ein Vorlagenwiegetest durchgeführt werden

Urogenitalsonographie

Neben der Beurteilung der Reaktionsfähigkeit des Beckenbodens ist eine Ultraschalldarstellung der Urethra ( Trichterbildung) beim Pressen ein typischer Befund bei Belastungsinkontinenz.

Urodynamik

Vor jeder Belastungsinkontinenz- Operation sollte eine überaktive Blase  ausgeschlossen werden. Zusätzlich wird mittels Ruhe- und Stressdruckprofil  der Harnröhre (Urethra) die Stressinkontinenz  bestätigt.

Urethrozystoskopie

Bei therapieresistenter Drangsymptomatik, Hämaturie( Blut im Urin) bzw. postoperativer Dysurie( Schmerzen beim Wasserlassen) sollte die Urethrozystoskopie großzügig indiziert werden, um mögliche Tumoren und chronisch-entzündliche Veränderungen der Harnblasenwand auszuschliessen.

THERAPIE DER HARNINKONTINENZ

Belastungs-, Drang- und Misch- Harninkontinenzen stellen chronische Erkrankungen dar und bedürfen entsprechend einer dauerhaften Therapie nach einem Stufenkonzept. (Mehrschritttherapie: 1. konservativ, 2. operativ, 3. konservativ fortsetzen).

Trink- und Toilettentraining, Ernährungsberatung

Durch die Erstellung eines Miktionskalenders können »schlechte« Trink- und Miktionsmuster korrigiert werden. Beispiele dafür sind eine Pollakisurie, um Stressinkontinenz -Episoden zu vermeiden, was zur Verminderung der Blasenkapazität führen kann. Bei Dranginkontinenz versuchen viele Patientinnen, mit Verspüren des imperativen Harndrangs sofort die Toilette aufzusuchen, hektische Bewegungen bzw. das zu langsame Entkleiden aufgrund von Einschränkungen des Bewegungsapparats unterstützen dann den unwillkürlichen Urinabgang.

In der Situation des imperativen Harndrangs sollte sich die Patientin stehend oder sitzend ganz auf die Blase konzentrieren, bis das Dranggefühl unterdrückt ist. Dann ist ausreichend Zeit, um ohne unwillkürlichen Harnverlust die nächste Toilette aufzusuchen.

Antibiotika

Werden Harnwegsinfekte als Ursache einer Dranginkontinenz nachgewiesen, erfolgt die Sanierung entsprechend des Antibiogramms.

Hormone

Die lokale Östrogenisierung (Östriolpräparate) hat infektpräventive sowie Drang- und Stress-HI-Episoden vermindernde Eigenschaften und sollte postmenopausal großzügig zur Anwendung kommen. Entscheidend ist hier die dauerhafte Anwendung. Eine bis zwei Applikationen pro Woche mittels Ovula oder Tabletten sind ausreichend

THERAPIE DER  DRANGINKONTINENZ

Die Dranginkontinenz wird durch medikamentöse Therapie, die die Blase entspannen und Entleeren behandelt. Organische Ursachen wie oben beschrieben müssen vorher ausgeschlossen bzw. therapiert sein.

Anticholinergika

Anticholinergika sind auf mögliche Kontraindikationen (u.a. Engwinkelglaukom, Arrhythmien, Zerebralsklerose) hin zu prüfen bzw. zu indizieren. Während der Therapie müssen einschleichende Nebenwirkungen (z.B. Obstipation, Restharnbildung) rechtzeitig erkannt werden.

Elektrostimulation

Diese erfolgt transvaginal mit 20 Hz täglich für vorerst drei Monate. Dann wird über die Fortsetzung der Therapie entschieden

THERAPIE DER STRESSINKONTINENZ

Pessartherapie

Die Pessartherapie bei Stressinkontinenz überzeugt durch den sofortigen Therapieerfolg.

Beckenbodenbewusstseinsschulung

Das Beckenbodentraining bei Stress-HI wird individuell festgelegt und orientiert sich am Beckenbodenstatus. Besteht keine Reaktionsfähigkeit bei der Aufforderung zum Kneifen, sollte mit der Elektrostimulation begonnen werden. Sobald die Reaktionsfähigkeit erlangt wurde, können verschiedene Formen des Biofeedbacktrainings empfohlen werden.

Operative Therapie

Die Grundsätze der operativen Therapie der Belastungsinkontinenz haben sich trotz innovativer Operationstechniken nicht geändert.
Voraussetzungen für eine operative Therapie der Belastungsinkontinenz sind:

  • Die konservative Therapie war erfolglos.
  • Die Patientin gibt durch die Stressinkontinenz einen hohen Leidensdruck an.
  • Die Stressinkontinenz ist objektivierbar und steht im Vordergrund.